Aktuell in der AG

Aktienindexregeln als Instrument der Corporate Governance (Seibt/Denninger, AG 2024, 457)

Aktienindexregeln sind bedeutende Instrumente zur Gestaltung der Corporate Governance börsennotierter Unternehmen geworden. Indexanbieter haben in den vergangenen Jahren ihre Anforderungen an die einbezogenen Unternehmen – zum Teil auf Kapitalmarktdruck hin – signifikant erhöht. Sie stellen für eine Indexzugehörigkeit längst nicht mehr nur auf vorrangig quantitative Aspekte ab, sondern haben zunehmend auch qualitative Anforderungen an Unternehmen, insbesondere in Form sog. „Basiskriterien“, in ihre Indexregeln aufgenommen. Dieser Bedeutungszuwachs ist von großen Teilen der Unternehmenspraxis (aber auch der rechtswissenschaftlichen Forschung) noch nicht realisiert und in die aktive Corporate Governance-Gestaltung aufgenommen worden. Dieser Beitrag behandelt daher das Geschäftsmodell und den regulatorischen Rahmen für Aktienindizes und zeigt auf, welche Anforderungen und welche Handlungsspielräume insoweit für eine umsichtig handelnde Unternehmensleitung bestehen.


I. Praktische Bedeutung des Beitragsthemas

II. Grundlagen des Indexanbietergeschäfts

III. Rechtsnatur des Verhältnisses zum Indexanbieter aus Sicht der einbezogenen Unternehmen

IV. Regulierungsrahmen unter der Benchmark-Verordnung

V. Anwendung der Indexregeln in Bezug auf „Basiskriterien“

1. Tatbestandsseite

2. Rechtsfolge einer Nichterfüllung von Basiskriterien

3. Bewertung

VI. Handlungsmöglichkeiten der betroffenen Unternehmen

1. Reaktive Handlungsmöglichkeiten

2. Präventives Handlungsfeld

3. Mitwirkungspflichten der betroffenen Unternehmen?

VII. Summa


I. Praktische Bedeutung des Beitragsthemas

Das Geflecht an Corporate Governance-Vorgaben für börsennotierte Unternehmen ist heute längst nicht mehr auf staatliche Regelungen beschränkt. Jenseits zunehmend komplexer nationaler, ausländischer und unionsrechtlicher Gesetzgebung (1. Säule) zählen beispielsweise internationale Rechnungslegungsstandards, die Empfehlungen der verschiedenen Corporate Governance Kodizes (also Instrumente privater Normsetzung als 2. Säule) und seit einigen Jahren auch die Positionierungen der Stimmrechtsberater und institutionellen Investoren (als Marktinstrumente der 3. Säule) zum „Standardrepertoire“ der rechtlichen Rahmenbedingungen, die eine umsichtige Geschäftsleitung des börsennotierten Unternehmens im Blick behalten muss. Die Vielzahl solcher „exogener“ Einflüsse (der 2. und 3. Säule) auf die Corporate Governance (sowie Einflüsse durch die universitäre Ausbildung, Anwaltspraxis etc.), welche ein zunehmend breites Maß an Stakeholder-Interessen in Bezug nimmt, wurde in den USA dabei gerade in jüngerer Zeit mitunter durchaus kritisch analysiert (sog. „Corporate Governance Machine“). Ein Bereich, der in Deutschland augenscheinlich noch nicht immer hinreichend Beachtung findet, sind die Regeln der Aktienindizes, denen die Unternehmen angehören. Diese behandeln neben der Berechnung des jeweiligen Index u.a. auch die Kriterien für seine Zusammensetzung, etwa durch Anknüpfung an bestimmte Größenkriterien, Sektoren oder Länder.

Für die wichtigsten Aktienindizes der DAX-Familie (u.a. DAX, MDAX, SDAX, TecDAX) ist das Regelwerk kürzlich neu gefasst und in zwei Regelwerke aufgeteilt worden: Seit Mitte März 2024 sind insoweit vor allem (...)
 



Verlag Dr. Otto Schmidt vom 10.07.2024 08:22
Quelle: Verlag Dr. Otto Schmidt

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